Der Weg zur Freude

Frau Hede Haenchen war in den 70iger Jahren die erste, die sich dem Schicksal und der mangelnden Versorgung von schädel-hirn-traumatisierten Kindern angenommen hat. Mit ihrer einzigartigen Intuition und ihren unkonventionellen Methoden hat sie zeigen können, daß Kinder im Wachkoma ihre Umgebung wahrnehmen und durch sinnliche Stimulation Remissionsschritte möglich werden.



Die Anfänge

In den sechziger Jahren hat Frau Hede Haenchen mit Kindern ihrer Nachbarschaft auf klassischen und selbst gebauten Instrumenten musiziert. Von den positiven Effekten der Musik auf ihre Schüler ermutigt, hat Frau Haenchen ihren Wirkungskreis erst auf Kinder mit Conterganbehinderungen, später auf schädel-hirn-traumatisierte Kinder bzw. Kinder im Wachkoma erweitert. Sie stellte fest, dass die Kinder nicht nur auf den Klang der Instrumente, sondern auch auf die Vibration, das körperliche Klangerlebnis reagieren.

Instrumente und Materialien

Die Lerina Arbeit will: „Aus dem Raum, zu dem das Wort keinen Zutritt haben sollte, Musik hervorlocken. Musik, die vielleicht nur aus wenigen, unbeholfenen Tönen besteht. Die aber, indem sie Klang wird, dem Kind ein Ahnen von der inneren Unendlichkeit gibt und es seines Reichtums bewusst werden lässt. Da wächst ein Selbstgefühl, ein Bewußt-Sein von Kraft...“ (H. Haenchen)

Im nächsten Schritt begann sie, auch andere sinnlichen Erfahrungen in ihre Therapien einzubeziehen: Duft, Geschmack, Haptik. Die Instrumente und Hilfsmittel, die sie benötigte, entwickelte sie selbst. Zentrum ihrer Ideen bildete das jeweils kranke Kind, das sie in seiner ganz speziellen Art ansprechen wollte. So entstand z.B. die Obertonflöte aus einem langen Kupferrohr, mit dem sich ein warmer, beruhigender Endloston herstellen lässt. Sie dachte sich die Duftflöte aus, die das Kind mit seiner Hand umschließen kann, so dass durch die Wärme beim Spiel ätherische Öle freigesetzt werden. Sie wandte Öle während der Ernährung einiger Kinder durch die Magensonde an, damit das Kind eine sinnliche Verbindung zur Nahrungsaufnahme herstellt. Hede Haenchen nutzte alle denkbaren natürlichen Materialien und Rohstoffe, um sie zur sinnlichen Stimulation von behinderten Kindern einzusetzen. Besonders beeindruckend dabei ist, in welcher Art sie andere Menschen in ihre Arbeit einzubeziehen verstand. So fand sie zum Beispiel einen Apotheker, der Duftöle in Farben mischte, damit blinde Kinder verschiedene Farben wahrnehmen konnten. So erkennt das Kind die Farbe am Duft und kann seine Empfindungen beim Malen ausdrücken.

Elternwerkstatt

Während ihrer Arbeit in den Krankenhäusern machte Frau Haenchen die einschneidende Erfahrung, dass schädel-hirn-traumatisierten Kindern, also auch Kindern im Koma und im Wachkoma, von Ärzten und Pflegepersonal jegliche Wahrnehmung abgesprochen wurde. Die Kinder wurden auch in den achtziger Jahren oft lediglich pflegerisch verwahrt. Hede Haenchen stellte im intensiven Kontakt mit diesen Patienten fest, dass sie auf sinnliche Reize, intensiven körperlichen Kontakt positiv reagieren, und konnte Rückbildungsschritte beobachten. Sie entwickelte in den nächsten Jahrzehnten die LERINA-Methode (Lerina = zur Freude), um diesen schwer traumatisierten Kindern eine individuelle Betreuung zukommen zu lassen. Eine wichtige Erkenntnis dabei war, dass es nicht nur ein unfallgeschädigtes Kind gibt, sondern immer auch eine unfallgeschädigte Familie. Hede Haenchen gründete die Elternwerkstatt, in der die Eltern lernten, wie sie ihr schwerst behindertes Kind zu Hause betreuen konnten. Und in der die Eltern zeitlich unbegrenzt Trost und Unterstützung fanden, ihre schwierige Lebenssituation anzunehmen.

Gründung der Lumia Stiftung

In der Wertschätzung für Hede Haenchens Lebensleistung wurde im Jahre 2000 die Lumia Stiftung gegründet, um die Ansätze ihrer Arbeit für Familien mit einem Kind im Wachkoma fortzuführen. Hede Haenchen ist 2006 mit 85 Jahren in Berlin gestorben.

In unserem Selbstverständnis teilen wir die Auffassung von Frau Haenchen, dass Menschen im Wachkoma zu Wahrnehmungen fähig sind und dass eine individuelle und liebevolle Betreuung für die Entwicklung eines unfallgeschädigten Kindes zentral wichtig ist.

Darüber hinaus gilt unsere Unterstützung besonders den pflegenden Eltern. Wir möchten sie darin bestärken, die neue Situation anzunehmen. Wir möchten in ihnen die Fähigkeit wecken, wieder Mut zu schöpfen und miteinander Lebensfreude zu empfinden.

Über Hede Haenchen

In unserer Literaturliste finden Sie einen Buchtitel, in dem Hede Haenchen die Entwicklung und Wirkungsweise der von ihr eingesetzten Instrumente beschreibt.